Logan's run - Mauerfall mal anders betrachtet

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Für alle, die sich wie ich bald mit dem 30. Lebensjahr konfrontiert sehen ist Logan's Run der richtige Filmtipp. Nach einer zunächst nicht näher beschriebenen Katastrophe hat sich der übriggebliebene Rest der Menschheit (meist weiß und blond) in eine Metropole unter riesigen geodätischen Kuppeln zurückgezogen. Hier kann man all den Komfort des Jahres 2274 genießen, jedenfalls das was sich Menschen aus dem Jahre 1976 darunter vorgestellt haben - u.a. Promiskuität und das Abhängen in vollklimatisierten Shopping Malls. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Ein Haken wäre z.B., dass man mit Beginn des 30. Lebensjahrs an einer Zeremonie teilzunehmen hat bei der man auf spektakuläre Art und Weise vor euphorischem Publikum exekutiert wird - das Ganze wird den Bürgern als "Renewal" verkauft - was mehr einer Wiedergeburt gleichkommen soll als dem Tod. Also eigentlich etwas worüber man sich außerordentlich freuen sollte und was wie gesagt den Mehrwert samstäglicher Abendunterhaltung bietet.

Und wie das so in größeren Gesellschaften zwangsläufig vorkommt existieren auch hier Menschen, die dem ganzen "Zirkus" nicht trauen und Fluchtversuche unternehmen, sie werden "Runner" genannt und von den "Sandmen" gejagt. Einer dieser Sandmänner sieht sich selbst mit dem Tod konfrontiert, erkennt den Verblendungszusammenhang und schickt sich an die Kuppelstadt zu verlassen, um den mythischen Ort namens "Sanctuary" zu finden.

So weit der Schnelldurchlauf.

Die Macher übernehmen sich mit der Vielzahl an Themen, vergleichbar mit der Farbwahl der Tuniken. So bleibt zunächst einmal der Eindruck, dass man darum bemüht war möglichst viele modische (Geistes-)Strömungen aufzugreifen und auf ein griffiges Format zu bringen, das natürlich in erster Linie unterhalten soll. Weithin bezeichnend dafür ist die psychedelische Ästhetik in Klang und Bild (welche ganz klar auf die Erfahrungen einer Generation mit LSD zurückgeht). Die etwas burschikose und ziemlich emanzipierte Jenny Agutter entspricht dem klassischen Schönheitsideal der 70er Jahre (siehe auch ABBA) und sieht besser aus als Carrie Fisher (Prinzessin Leia / Star Wars). Der industrielle Look mit den spiegelnden Böden, ähnlich den frisch gewienerten Empfangshallen der damals noch neuen Großstadtbüros, deren Stil deutlich vom Bauhaus geprägt sind. Natürlich auch die großen soziologischen Fragen der Zeit "Unter welchen Bedingungen ist eine "satte" und gerechte Gesellschaft möglich und welchen Preis zahlt sie möglicherweise dafür" (siehe auch Soilent Green). Ökologische Fragezeichen, wie sie schon zu Anfang gezeichnet werden - eine ökologische Katastrophe wird später angedeutet.

War der Untergang der "alten" Zivilisation Ursache einer irrationalen, weniger planvoll zu Werke gehenden Gesellschaft?

Ich glaube nicht zu viel zu verraten, wenn ich sage, dass der Film zum Schluss ein "brennendes" Plädoyer für weniger Staat, das Altern (um jeden Preis), die Monogamie und Romantik unter dem Sternenzelt hält. Oder sagen wir lieber, für das, was man den American Dream nennen darf, der mit der Besiedlung des weiten nordamerikanischen Kontinents  und der Ausbeutung seiner "schier unerschöpflichen" Ressourcen seinen Anfang fand.

The Do(o)med City - kommunistische Freizeit-Architektur in betonierter ReinkulturThe Do(o)med City - kommunistische Freizeit-Architektur in betonierter Reinkultur
Erinnert diese abgeschottete Gesellschaft, die einem streng reglementierten Hedonismus fröhnt, Manipulationsmasse eines technokratischen Staatsapparates ist und deren neugeborene Individuen selbst schon Gegenstand von Planwirtschaft und "Healthcare" sind nicht einer Gesellschaft dessen Niedergang sich dieser Tage zum 20. mal jährt? Ist diese Dys- bzw. Utopie (je nach politischem Gusto) vielleicht die Hollywoodversion einer DDR wie sie uns unter der Bedingung, dass es kein konkurrierendes System gegeben hätte, blühen würde? Natürlich wird der aufmerksame Zuschauer anmerken, dass hier viel ältere Ideen, etwa Platos Gedanken zu "Der Staat" ihre Verwurstung fanden. Das sind eben auch solche Ideen, welche nicht unerheblichen Einfluss auf Marx und seine Nachfolger hatten.

Ich mache nicht den Fehler diesen Film als visionär zu bezeichnen, er ist einer der vielen Sciencefiction Filme der 70er Jahre, die ihren heutigen Sehenswert eher aus Nostalgie und voyeuristischer Neugier für die damalige Zeit speisen. "Western"-Filme in futuristischem Gewand. Allerdings gibt es eine Schlusspointe, die ich nicht verschweigen möchte. "Sanctuary" bleibt ein imaginärer Ort, die vielen "Runner / Maueropfer" geben ihr Leben in der Hoffnung auf diesen Ort, der einfach nur als ein "anderer" umschrieben wird. Er ist Projektionsfläche für Wünsche und Vorstellungen dieser Individuen. Das ist die eine frappante Parallele zu unserer Wirklichkeit / Vergangenheit. Eine weitere: das "System" kann den Input - die Tatsache, dass dieser Ort nicht existiert nicht verarbeiten und bricht zusammen.

Vielleicht lautet die reaktionäre These dahinter: einer materialistischen Ideologie geht die Fähigkeit zu Vision und der Sinn für Metaphysik verloren (die hier gezeichneten Parallelen zum Niedergang Roms und dem damit einhergehenden Nihilismus sind mehr als deutlich).

Vielleicht waren die Programmierer aber auch einfach nur unfähig.

Ach ja, und dass der Sandmann aus der DDR stammt weiß hoffentlich auch heute noch jedes Kind ...

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